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Bildrechte:© (Stephan Balkenhol) VG Bild-Kunst Bonn, 2007 // Foto: Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum
Stephan Balkenhol
Säule/Mensch, 1990
Skulptur
Mooreiche
152,5 x 20 x 16,5 cm (Objektmaß)

Stephan Balkenhols Säulenensemble Säule Mensch ... (1999) zeigt vier kleine, aus etwa gleich großen Stämmen dunkler Mooreiche herausgeschnittete Figuren – einen Mann, einen Stier, einen Vogel und Löwen. Auf gleicher Höhe stehend und durch ihre Blickrichtung den umgebenden Raum in vier horizontale Richtungen erschließend, vermittelt sich durch die Figuren ein zunächst uneindeutiger Zusammenhalt des Ensembles. Ihre Größen sind überdies nicht proportional angelegt, erscheinen doch Löwe und Stier im Verhältnis kleiner als die männliche Figur, wohingegen der Vogel wiederum unportional voluminös ausfällt: ein "Mensch", nicht Mann unter drei Tiersymbolen, nicht Tieren – ohne realistischen Größenbezug, ohne farbliche Fassung.

Wie bei Balkenhol üblich, ist die Darstellung des Mannes trotz gewisser portraithaft erscheinender Züge eher verallgemeinernd, was die Titelgebung unterstreicht. Er zeigt eine männliche Figur, aufrecht stehend, in lockerer Haltung, beide Arme in die Seiten gestützt, bekleidet. Die seit Beginn der 1980er Jahre zahlreichen Varianten dieser männlichen Figur stehen immer abbildhaft im Bezug zum Gegestand. Und doch halten Balkenhols – nicht hier, aber meist – farblich akzentuierten Figuren auch eine gewisse Distanz zum Vorbild, wirken erstaunlicherweise zugleich rührend wie konzeptuell, was sich ebenso der Nüchternheit der Materialbearbeitung wie ihrem volkskunstorientierten Format verdankt. Bewusst verzichtet der Künstler auf Gesten und den erzählerischen Kontext, den sie eröffnen könnten. Dabei spielt der in Spuren wahrnehmbare bildhauerische Arbeitsprozess der – auch bei Säule Mensch und den Tiersäulen – aus einem Stück herausgearbeiteten figürlichen Holzskulpturen, die damit buchstäblich im Holz wurzeln, eine entscheidende Rolle. Die Skulpturen sind nicht geglättet, sondern weisen Schrunden, Risse oder Splitter auf, die von der Behandlung des Holzes mit dem Beitel sprechen. In den frühen 80er Jahren bedeutete die Hinwendung des in Hamburg bei Ulrich Rückriem ausgebildeten Künstlers zu Figuration und Gegenständlichkeit ein generelles Statement, die in dieser Zeit auch in der Malerei wieder zum Orientierungpunkt vieler Künstler wurde. Dennoch kommt ein Nachhall serieller und minimalistischer Schulung, gleichsam eine Stellungnahme zur Figuration vor allem in den "Figurensäulen" Balkenhols zum Ausdruck. Ein gegenständlich-organischer Teil ist einem geometrisch-anorganischen Teil gegenübergestellt, ja scheint diesem zu entwachsen, diesen zu kommentieren.

Neben den menschlichen Figuren, den bekleideten Darstellung von Männern und Frauen, den Akten in ganz unterschiedlichen Formaten wendet sich Balkenhol seit Beginn der 80er in dieser Weise auch der Tierdarstellung zu (Seehund I, 1989; Hahn, 1990; Sechs Bären, 1991; Ohne Titel (Zwei Vögel), 1997). Häufig erscheinen die Tierskulpturen in Verbindung mit einer männlichen Figur, die mal auf einer Schildkröte sitzend, zwischen Löwen liegend oder einen Stier an den Hörnern packend, gezeigt werden. Doch weisen die Duisburger Figurensäulen in ihrer Konstellation auf einen spezifischen Zusammenhang der Tier- und Menschenfiguren: Mensch, Löwe, Vogel und Stier geben als vierteiliges Ensemble auch einen Bezug zu den Evangelistensymbolen zu erkennen (Engel/Mensch=Matthäus; Löwe=Markus; Stier=Lukas, Adler=Johannes) – wenn auch der Adler bei Balkenhol zum schlichten Vogel mutiert. Diesem Anklang christlicher Ikonografie entsprechen auch die beschriebenen diskontinuierlichen Größenverhältnisse der Figuren. Die vom Gegegenstandsbezug abweichenden Proportionen unterstützen die symbolische Bedeutungsdimension der Gruppe.

"Menschliche Figuren sind vom Thema her grundsätzlich bedeutungsvoller, selbst wenn sie von der Darstellung her weder etwas erzählen noch eine besondere Dramatik, Gestik oder Mimik aufweisen. Allein dadurch, dass wir uns als Menschen mit der Darstellung vom Menschen identifizieren, wird diese stets zu einer existentiellen Angelegenheit. Tiere sind dagegen von vornherein uns fremde und gelegentlich auch befremdende Lebewesen. Je nachdem, um was für ein Tier es sich dabei handelt, neigen wir zu Projektionen und hängen ihm bestimmte menschliche Attribute wie 'stolz' oder 'tapfer' an. Obwohl wir Tiere nie ganz erforschen und auch nicht herausfinden werden, wie und ob eine Kuh denkt oder was in ihr vorgeht, glauben wir, sie ganz gut zu kennen. Dieser Trugschluß und dieses Doppeldeutige daran reizen mich." (Balkenhol, in: Kunstforum International, 144/1999).
Balkenhol spielt mit der religiösen "Restbedeutung" seines Figurenensembles. Der Mensch, der als bekleideter Mann präsentiert wird, steht in seiner Bezugnahme, wenn auch nicht im Mittelpunkt, so doch auch gemäß Werktitel  an vorderster Stelle. Seine überproportional große Darstellung im Kontext der Tiere nimmt sich ebenso als säkularer Kommentar zur Evangelistensymbolik aus wie die erkennbare Veränderung des Johannes-Symbols zum Vogel. Ähnlich der späteren Skulptur des Segnenden (2004), der den auch vom Dürer-Selbstbildnis bekannten christlichen Segensgestus an einer kleinen männlichen Figur zeigt, scheint auch Säule Mensch … von leiser Ironie gezeichnet.


SMS/AS

Bildrechte:© (Stephan Balkenhol) VG Bild-Kunst Bonn, 2007 // Foto: Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum