virtuelles museum moderne nrw
 virtuelles museum moderne nrw| plattform suche| service und planung
 home| die plattform| partner| texte| links| impressum| sitemap| kontakt| response
 

english

  künstler
  museum
  ort
  themen
Bildrechte:© (Franz Bernhard) VG Bild-Kunst Bonn 2006 // Foto: Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum
Franz Bernhard
Büste, 1983
Skulptur
Holz, Eisen
280 x 190 x 37 cm

Franz Bernhards zweiteilige Komposition aus Holz und Eisen, die den Titel Büste (1983) trägt, könnte zunächst den Eindruck eines grobschlächtigen Werkzeuges erwecken. Doch nimmt sie die Formensprache der traditionellen skulpturalen Büste auf: Zu sehen ist das formale Zusammenspiel von horizontaler Schulterpartie und vertikaler Ausrichtung des Kopfes: Der Holzblock deutet zeichenhaft Kopf und Hals an, und der Eisenkeil verweist konzentriert auf Schulter und Rumpf. Wie in zahlreichen anderen Werken ist auch hier der menschliche Körper der Ausgangspunkt Franz Bernhards. Er gewinnt dabei aus den einfachen liegenden, stehenden Positionen der menschlichen Figur, oder aber aus deren torsohafter Verkürzung, erstaunliche Ausdrucksmittel.

Beispielhaft zeigt die an der Wand diagonal angebrachte Büste von 1983, wie aus der Betonung von Materialität und materialeigener Gestaltung und dem Interesse an der Artikulation menschlicher Körperform ein anthropomorphes plastisches Gebilde entsteht. Der flache und sich verjüngende Eisenkeil ist in dynamischer Schräge an der Wand angebracht. Doch berührt die zum Boden geneigte Kante nur mit ihrer Spitze den Boden des Raumes und wirkt auf diese Weise fast grotesk instabil. Dieses Moment verstärkt sich, da das querformatige Schulter-Teil gerade auf der nach oben ragenden schmäleren Seite voluminöser gestaltet ist. Durch die Rechtsneigung der Büste und das scheinbare Aufsetzen der rechten unteren Spitze des Eisenelementes auf den Boden glaubt man, die 'Figur' balanciere spielerisch auf einem Bein ihr Gewicht. Zugleich aber entsteht durch die aggressive Spitze und Verjüngung der rechten Kante doch auch wieder der Eindruck einer gefährlichen Gerätschaft, so dass die körperhafte Deutung wieder zurückgenommen wird.

Diese Deutungs-Balance von Büste und Keil konkretisiert sich allerdings insbesondere durch den Kopfaufsatz zur menschlichen Gestalt. Auf der oberen Abschlusskante des Eisenkeils sitzt eine U-förmige Eisenfassung, in der ein aus einzelnen unregelmäßigen Holzstücken zusammengesetzter rechtsgeneigter und halsähnlicher Holzblock ansetzt. Seine Rundung und geschlossene voluminöse Wirkung erzeugt Assoziationen zur Kopfform. Erst jetzt, im Zusammensehen der einzelnen Partien bestätigt sich der Charakter der Büste. Es entsteht der Eindruck einer perspektivischen Verjüngung ihrer imaginären Schulterpartie, so dass die gewaltsame Dynamik des in den Boden gerammten Eisenelementes aufgehoben wird.

Die Büste zeigt keine individuellen physiognomischen Züge, vielmehr gewinnt sie ihre Überzeugungskraft aus der dialogischen Struktur einzelner aufeinander abgestimmter Körperteile. Gleichzeitig überlagern die formalästhetischen Qualitäten und die Zusammenführung der grundsätzlich verschiedenen Materialien Eisen und Holz diesen figürlichen Bezug.

Bernhard selbst hat darauf hingewiesen, dass er den Menschen nicht abzubilden sucht. Vielmehr greift er gestaltend und deutend in die formalen Vorgaben ein, die ihm der menschliche Körper bietet: "Ich lasse ein Bein weg, wenn es stört. Ich mache aus kurz lang. Ich mache aus lang kurz. Ich beschäftige mich mit Abläufen verschieden schwerer Massen, mit Proportionen, mit Winkeln, mit Rhythmen. Ich gestalte Übergänge. Ich mache Dinge. Meine Dinge greifen in den Raum. Ich gestalte Räume" (Franz Bernhard).

Das monumentale Format und die mit archaischen Vorstellungen spielende Materialauswahl liefern zugleich einen ironischen Unterton für diese figurale Plastik, die traditionelle allegorische Körpervorstellungen gigantomanisch verzerrt.


W.N.

Bildrechte:© (Franz Bernhard) VG Bild-Kunst Bonn 2006 // Foto: Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum