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Bildrechte:© Gallery Annely Juda Fine Art, London (Estate Gabo) // Foto: Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum
Naum Gabo
Lineare Raumkonstruktion Nr. 2, 1959/60
Skulptur
Perspex mit Nylonfaden
79,5 x 59 x 59 cm

Ergänzend zu seinen frühen kinetischen Objekten gelangte Naum Gabo nach dem Zweiten Weltkrieg zur "Sphärischen" Plastik mit einer unverwechselbaren Formensprache, in der ein einziger straff gespannter Nylonfaden über ein irregulär geformtes Perspexgerüst gespannt ist. Wie in der Linearen Raumkonstruktion Nr. 2 übernimmt allein dieser Nylonfaden die Führungslinie zur Konstruktion des Raumes. Auf diese Weise gelingt es Gabo, den im "Realistischen Manifest" geforderten immateriellen Charakter als ein durchlässiges kristallines System erfahrbar zu machen, das ebenso vom Spiel des Lichts wie auch von der Bewegung und Augenhöhe des Betrachters abhängt. Die fragile und dennoch voluminöse Konstruktion gleicht einem Gewebe von 'Saiten', das gleichzeitig innere und äußere Raumschalen modelliert und sich zu einer sphärischen und transparenten Figuration fügt. Die Auffächerung der Fäden verdichtet sich durch Überschneidungen im Zentrum und ermöglicht hier eine stärkere Lichtreflexion und Plastizität. Im Übergang zu den Rändern hingegen wird das Gewebe zunehmend transparent und scheint sich strahlenförmig aufzulösen.

Der 1910 aus den Vorgaben des Futurismus abgeleitete Rayonismus Michail Larionows verbindet sich in den Arbeiten Naum Gabos mit dem Purismus in der Raumvorstellung des russischen Konstruktivismus (Rodtschenko). Die künstlerische Intention eines Werkes liegt weniger in einem unabhängigem ästhetischen Gehalt. Vielmehr gewinnt die Arbeit ihre besondere Bedeutung durch die Verknüpfung mit einer monumentalen Denkmalsidee und ihre Anbindung an die Architektur. Hier setzt auch Gabos Lineare Raumkonstruktion Nr. 2 an, deren Prototyp 1949 entstand und die in 26 fast identischen Versionen ausgeführt wurde. Zwei Exemplare dieser Arbeit hatte Gabo 1949 in einem Schaumodell für die Dekoration der Eingangshalle des ESSO-Gebäudes im Rockefeller Center in New York vorgesehen. Sie sollten über den Drehtüren des Eingangs angebracht werden und sich mit diesen um die eigene Achse drehen, während die Zwischenwand durch ein spiralförmiges Liniensystem perspektivisch aufgebrochen werden sollte. ESSO stoppte das Projekt, Gabo entwickelte jedoch die lange Serie der erwähnten Linearen Raumkonstruktionen weiter.

Während die meisten Varianten in senkrechter Position auf einer geschwungenen Sockelplatte aufsitzen, ist eine schwebend befestigte Version (Familienbesitz) überliefert, eine weitere (Guggenheim Museum, New York) in sockelloser, waagerechter Ruhelage. In allen Fällen ist die kinetische Wirkung, das Spiel mit dem Licht und die Schwerelosigkeit, überdies aber auch die architektonische Maßstäblichkeit intendiert, wodurch die Transparenz der konstruktiven Form erst ihren Sinn und ihre Bedeutung erhält.


G.L.

Bildrechte:© Gallery Annely Juda Fine Art, London (Estate Gabo) // Foto: Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum