virtuelles museum moderne nrw
 virtuelles museum moderne nrw| plattform suche| service und planung
 home| die plattform| partner| texte| links| impressum| sitemap| kontakt| response
 

english

  künstler
  museum
  ort
  themen
Bildrechte:© (Hans Arp) VG Bild-Kunst Bonn, 2008 // Foto: Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum
Hans Arp
Constellation des formes blanches sur fond gris // Konstellation weißer Formen auf grauem Grund, 1929
Objekt
Holz, bemalt
Objektmaß: 72 x 87 x 3,5 cm

Hans Arps bemaltes Holzrelief Konstellation weißer Formen auf grauem Grund aus dem jahr 1929 besteht aus einem rechteckigen grauen Rahmen und einer Grundplatte, die 3,5 cm tiefer als der Rahmen ist. Auf diesem dunkelgrauen Grund sind sieben weiße Holzscheiben geklebt worden.
Die untere Hälfte des Reliefs nimmt eine horizontal gelagerte, fast amorphe Form ein, die an ein "bewegtes Oval" erinnert. Über ihr scheinen die in der oberen linken Hälfte platzierten drei amorphen Ovale oberhalb einer fast runden Scheibe zu schweben. Sie sind in ihren Längsachsen auf die untere Gestalt ausgerichtet. Rechts oben wurden zwei weitere Gebilde angebracht, die an ihrer Unterseite eine kleine Einbuchtung aufweisen, so dass sie sich leicht nach unten zu biegen scheinen. Die große, liegende Form bildet jedoch die Basis, den Ankerpunkt für die über ihr schwebenden, bewegteren Gebilde.

Arps Relief hat zwar eine fest vorgegebene äußere und durch den Rahmen bestimmte Gestalt, doch muten innen die aufeinander bezogenen, reliefartigen Formen vor der klar begrenzten Fläche so an, als ob sie sich ständig verändern könnten. Ihre hier festgehaltene Gestalt und Position erscheint eher zufällig und variabel. Sie sind Variationen einer Urform, die Arp als Grundelement voraussetzt und hier in verschiedenen Ausprägungen verwendet. Die Bezeichnung "Konstellation" im Titel weist bereits auf eine wandelbare Formgestaltung hin; es gibt unendlich viele Kompositionsmöglichkeiten mit dem gegebenen Material.

Als das Relief Konstellation weißer Formen auf grauem Grund entstand, lebte Hans Arp seit einigen Jahren in Meudon bei Paris, gehörte zum Kreis der Pariser Surrealisten und stand ein lebhaftem Kontakt zu allen Bewegungen, die sich für die abstrakte, die konkrete Kunst einsetzten. Arp kam nicht als Neuling in die Pariser Kulturszene; denn er hatte schon längst unter nicht geringem Einfluss der Schriften Kandinskys zur Abstraktion gefunden. Die ersten abstrakten Reliefs entstanden 1915 – in dem Jahr, in dem er nach Zürich übersiedelte und dort als aktives Mitglied der Dada-Bewegung und des Cabaret-Voltaire (1916-19) gegen den "rationalistischen Schwindel" (Arp, 1932) einer technisierten Zivilisation, gegen die moralische Verlogenheit einer aufgeblähten Kunstvirtuosität auftrat. Hier setzte er sich auch für die Kunst ein, die aus der freien Imagination erwuchs und dem Ursprung der Natur verbunden blieb.
Das Unbewusste, der Wachtraum, der Zufall, die Natur sind Kernbegriffe des Arpschen Denkens und Bildens. In seinen Erinnerungen "Unseren täglichen Traum..." schrieb er: "Ich lasse mich von der Arbeit führen und vertraue ihr. Ich überlege nicht. Während ich arbeite, entstehen ... Formen. Sie bilden sich ohne mein Zutun. Ich glaube nur, die Hände zu bewegen. Dem Hellen und dem Dunklen, welches der Zufall uns schickt, sollten wir mit ergriffener Verwunderung und Dankbarkeit begegnen." (Arp, zit.n. Zürich 1955, 84).

Die weißen Gestalten des Reliefs erscheinen als Formen, die ihrem amorphen Ursprung noch ganz nahe sind, fließend in einen anderen Formenzustand hinübergleiten, sich teilen oder verbinden könnten. Sie sind trotz ihrer klaren Form nicht durch ihre Grenzen definiert, sondern durch die Wandlungsfähigkeit ihrer Substanz. Was der eindeutigen besonderen Form entgegenwirkt, lässt ihre Wirklichkeit hervortreten, die die Wirklichkeit der sich ewig wandelnden Natur ist.

Auch der Ort, den die hellen Gebilde vor dem dunkler zurücktretenden Reliefgrund innehaben, ist nicht vom Koordinatensystem des Rahmens bestimmt, sondern geht aus ihrer natürlichen Beziehung zueinander hervor. Eine große Form und sechs kleinere Formen sind horizontal übereinander angeordnet, wobei die langgestreckte Form und ihre weich geschwungene obere Kontur sich wechselseitig in eine rhythmische Schwingung zu versetzen scheinen. Indem die horizontalen Bewegungsmotive sich auch auf die der anderen Formen beziehen, sich diesen scheinbar zuwenden oder vor ihnen ausweichen, sich gegenseitig senken oder heben, entsteht ein bezugsreiches dynamisches System. Die untere Form bewahrt die Anziehungskraft und relative Ruhe der großen Substanz, während sich die kleineren Formen durch lebhafte Bewegungsenergie auszeichnen.

Da es die beiden Grundkräfte der Natur sind, Masse und Energie, die in Arps Relief in einen Bewegungszustand schwebenden Gleichgewichts treten, lassen sie auch die spielerische Beziehung zufällig wirkender Erscheinungsformen als anschauliches Bild eines naturgesetzlichen Vorgangs erscheinen. Die zufälligen, Formen können augenscheinlich sich und ihre Beziehung zueinander verwandeln, ohne ihren Zusammenhang zu verlieren, die Natur zugleich als eine schöpferische, verändernde Kraft und als einen harmonischen Zustand deuten, treten sie selbst als Formen hervor, die einem Naturgesetz gehorchen. Es ist die Gültigkeit des Naturgesetzes, die den Geltungsanspruch der Form bezeugt. Um 1930, als das Relief entstand, prägte Arp das Wort vom „Gesetz des Zufalls“, das er später als Gesetz beschrieb, das „alle Gesetze in sich begreift und uns unfasslich ist, wie der Urgrund, aus dem alles Leben entsteigt...“. (On my way, New York 1948, S.118).

R.H.

Bildrechte:© (Hans Arp) VG Bild-Kunst Bonn, 2008 // Foto: Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum