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Bildrechte:© (Alexander Calder) VG Bild-Kunst Bonn, 2008 // Foto: Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum
Alexander Calder
Untitled // Ohne Titel (Tischmobile mit S), um 1940
Kinetisches Objekt
Eisen und Draht, schwarz und orange bemalt
Höhe: 234 cm

Calders Tisch-Mobile ist überlebensgroß und besteht aus schwarz und orange bemalten Stahlteilen und Eisendrähten. Die gut erhaltene Skulptur dokumentiert nicht nur in hervorragender Weise die internationale Verbindung von Konstruktivismus und Surrealismus in den dreißiger und frühen vierziger Jahren, ist nicht nur ein exzellentes Beispiel kinetischer Kunst, früher Stahldrahtskulptur und biomorpher Abstraktion, sondern überzeugt auch in der Neuformulierung für das in diesem Jahrhundert andauernde Problem der Sockelbildung in der Plastik.

Das Werk stammt von einem amerikanischen Künstler, der durch die Begegnung mit der europäischen Kunst wesentliche Impulse erfahren hat. In Paris entstanden seine ersten Drahtfiguren, der berühmte Zirkus mit seinen humorvollen, winzigen Pferden, Clowns und Akrobaten. Dort befreundete er sich mit Mondrian, Leger, Miro und Arp, schloss sich Calder 1931 der Gruppe "Abstraction-Creation" an, einem Sammelbecken von internationalen Künstlern, die teilweise wegen ihrer konstruktiven Kunst ihre Heimat verlassen mussten und in Paris, wo die Wellen des Surrealismus immer noch hoch schlugen, Zuflucht gefunden hatten.

In diesen Jahren schuf Calder seine ersten abstrakten Metallkonstruktionen, die Hans Arp treffend als "Stabiles" bezeichnete, daneben aber auch schon bewegliche Metallgebilde, die Marcel Duchamp "Mobiles" nannte. Letztere waren anfänglich noch von Motoren betrieben worden, um danach nurmehr durch Luftströme in Bewegung versetzt zu werden. Seitdem kennzeichnen sorgfältig ausgewogene Gebilde in Gestalt zarter biomorpher Formen, geschaffen aus Stahlblechen, Rohren und dünnen Eisendrähten und bemalt in reinen Farben in vielen Sammlungen der Welt, in Innen- und Außenräumen, das Werk Alexander Calders.

Calders Mobiles sind mehr als poetische, zwischen Abstraktion und Natur vermittelnde Spielereien in einem durch die Technik bestimmten Zeitalter. Mit diesen Schöpfungen hat Calder der Plastik eine neue Dimension gegeben – die Veränderlichkeit. Diese im Raum schwebenden Gestaltungen, "Lebewesen" eigener Art aus Draht und Blech und Stahl, die ein leichter Windhauch in Bewegung versetzt, die sacht dahingleiten, sich heben und senken, sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten in verschiedenen und nicht immer steuerbaren Richtungen bewegen, sich um eine imaginäre Achse drehen und eine Vielfalt von Rhythmen entfalten, erscheinen beglückend in einer problematischen Zeit. Sie sind intelligent gemacht und beschwingen, weil sie sich aus dem Lot des Gewichtes, der Schwerkraft, der Stabilität grazil befreien.
Über ein solches Lot, das wie ein Schiffskeil wirkt und das Gewicht unter einen graphisch in den Raum gezeichneten S-Schwung setzt, verfügt auch das Tisch-Mobile. Das Aufsitzen auf einer Tischkante ist zugleich stabil und labil. Das Werk beflügelt die "Tischarbeit“: nimmt an der Kante Position, um durch die an feinen Drähten befestigten Seitenarme mit ihren endenden Blatt- und Kreisformen durch leiseste Luftbewegung ins Schwingen zu geraten. Am unteren Ende dieser freien Figuration – in Analogie zum Lot der S-Form – halten sich abstrakte und biomorphe Form sinngemäß die Waage.
Kunst und Technik, ausgeklügelter Verstand und poetische Empfindung, Stabilität, Labilität und Bewegung, Schwere und Leichtigkeit, Ernst und Heiterkeit, Gestaltung und Natur sind hier ein überzeugendes Spannungsverhältnis eingegangen.

C.B.

Bildrechte:© (Alexander Calder) VG Bild-Kunst Bonn, 2008 // Foto: Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum