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Bildrechte:© (Michael Croissant) VG Bild-Kunst Bonn, 2008 // Foto: Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum
Michael Croissant
Kopf und Schultern, 1976
Skulptur
Eisen, geschweißt
77 x 109 x 90 cm

Das Leitmotiv aller Arbeiten von Michael Croissant ist verstärkt seit Ende der 1960er Jahre die menschliche Figur bzw. Teile von ihr in Form des Kopfes, als Torso, in stehender, liegender oder gesockelter Position. Zeigten die bis 1970 noch in Gips, Wachs und Ton modellierten Arbeiten den organischen Zusammenhang zwischen Innen- und Außenhaut, Körperlichkeit und Innenleben, so änderte sich seit 1974 die Arbeitsweise, da Croissant nun direkt mit rohen Eisenblechen arbeitete, deren kantige Schnittflächen er sichtbar verschweißte. Die Figurationen entwickelten sich ähnlich wie bei Franz Bernhard hart an der Grenze zur Abstraktion. Die Flächensegmente sind auf Elementarformen reduziert und lassen Körperlichkeit als reine Konstruktion spüren. Croissant arbeitet keineswegs mehr illusionistisch und in offenen Formen, sondern verspannt die Formeinheiten in festem Umriss zu geschlossenen Volumina. Sie zeichnen sich durch Gesichtslosigkeit und das Fehlen jeder Gestik aus.

Aus der Kombination einer dachförmigen Bodenplatte und einer tropfenartigen, im rechten Winkel hierzu in senkrechter Stellung verschweißten Nachbarform, nimmt die Plastik Kopf und Schultern von 1976 Gestallt an. Das helmartig verschlossene "Kopf"-Element wuchtet in ausgreifender Rundung nach hinten aus und berührt mit der Unterkante den Boden, während das spitz zulaufende "Kinn" speerförmig über die Schultern nach vorne stößt. Die Verlagerung des Schwergewichtes auf den Hinterkopf lässt im Rückblick auf die Vorzeichnung von 1975 an den Schultertorso eines geharnischten Kriegers denken, der ausgestreckt am Boden liegt. Auch ist die kopfseitige Schräge der "Schultern" merklich kürzer als die flacher auslaufende rumpfseitige Schulterform.

Der kriegerische Charakter des Kopfes wird – aus der Aufsicht – noch unterstrichen durch die scharfkantig und spitz zulaufende Oberkante des Kopfumrisses, die wie der Nasenschutz eines antiken Helms das Gesicht bis zum Kinn verschließt: Auch die schwarze Tönung der Platten, die robusten Schweißstellen der Montage zwischen Kopf- und Schulterstück sowie die unpersönliche, neutrale Kälte des Metalls fördern die dumpfe, in sich brütende Verschlossenheit und Panzerung dieses Torsos.
Dennoch handelt es sich nicht um die Konstruktion einer leblosen Maschinenplastik, sondern um einen rigorosen Gestaltungsvorgang, der von der menschlichen Existenz in seiner Gefährdung ausgeht. Croissant verkürzt sein Menschenbild auf typisierende "Verkörperrungen". Die Figuren sind "Ausdruck einerseits der Ausgesetztheit des Menschen in einer fremd gewordenen Welt, andererseits, in der Formkonzentration, auch seines Behauptungswillens" (Ludwig Rinn).

G.L.

Bildrechte:© (Michael Croissant) VG Bild-Kunst Bonn, 2008 // Foto: Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum