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Bildrechte:© (Max Ernst) VG Bild-Kunst Bonn, 2008 // Foto: Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum
Max Ernst
Objet mobile recommandé aux familles // Mobiles Objekt, den Familien empfohlen, 1936
Kinetisches Objekt
4 Teile, Holz, Fundstücke und Hanf
98,5 x 57,5 x 46 cm

Für die erste wirklich bedeutende Plastik-Ausstellung des Surrealismus in der Pariser Galerie von Charles Ratton (Mai 1936) hatte Max Ernst sein im gleichen Jahr entstandenes Objet mobile recommandé aux familles ausgewählt – ein Objekt in Gestalt eines alten, hölzernen Garnsteckrahmens. Charles Ratton war Kunsthändler und Kenner außereuropäischer Kunst und bestückte die Ausstellung auch mit Fetischen, mit "natürlichen Objekten" und einer größeren Zahl von "objets trouvés". In Abwandlung von Marcel Duchamps Objektbestimmung des Ready-mades wird das "objet trouvé" nach surrealistischem Objektverständnis nicht vorrangig wegen des ästhetischen Wertes, sondern wegen der möglichen poetischen Deutung ausgewählt und als solches umdefiniert. André Breton engte diese Umkehrung der Werte noch ein, indem er forderte, dass derartige Objekte sogar mit erkennbar sexuell fixierten, latenten Inhalten verbunden sein müssten (Breton, in: L’objet fantôme, 1931). Die in der Regel verdrängten Trieberlebnisse sollten auf diese Weise ans Licht kommen, gerade wenn die Objekte "nahezu alltägliche Gegenstände" seien.

Auch Max Ernst kam in seinem beweglichen Objekt, dieser Forderung nach Sein Objet mobile gehört nach kinetischen Arbeiten von Duchamps Fahrrad-Rad (1913), nach Naum Gabos Kinetischer Konstruktion (1919/20), Rodtschenkos Hängenden Konstruktionen (1920) und Moholy-Nagys Licht-Requisit (1926-30) zu den frühesten beweglichen Plastiken. Da diese Arbeit seit der Ausstellung in der Pariser Galerie des Beaux-Arts (1938) als verschlossen galt, und nur durch die Abbildung in den Cahiers d’Art von 1937 dokumentiert war, blieb sie für die spätere Objektkunst ohne Folgen. Im Werkkatalog der Ernst-Skulpturen, den die Pariser Galerie Le Point Cardinal mit Alan Bosquet herausgab, wird sie sogar als "zerstört" bezeichnet. Erst 1969 tauchte die Original-Version wieder in Privatbesitz auf und wurde erstmals 1970 in der Max-Ernst-Retrospektive des Württembergischen Kunstvereins in Stuttgart gezeigt. Wohl aus Begeisterung über diese Wiederentdeckung autorisierte Max Ernst 1970 eine nach dem Original erstellte Serie aus 12 Exemplaren (Spies/Metken, Werke 1906-1925, Köln 1974, 2251,1) deren Brennstempel nun im Unterschied zum Original die Bezeichnung "max ernst 1936-1970" aufweist (9 Exemplare nummeriert 1-9, 3 Exemplare "hors commerce" nummeriert "0", "00", "000").

Die Holzarbeit besteht wie die Dada-Montagen aus mehreren heterogenen Teilen: In den amöbenhaft gerundeten Sockel à la Hans Arp wurde ein runder Holzstab senkrecht einmontiert. Dessen Durchmesser verschmälert sich am Fuß, während der "Kopf" aus einem kugelförmigen, leicht gespaltenen Knauf besteht, aus dem ein Holzgewinde hervorragt. Unterhalb der Mitte weißt der Stab zwei Öffnungen auf, in die der in rechtem Winkel angesetzte Mittelstab des hölzernen Garnwickelrahmens exakt eingepasst ist. Der aus gleichlangen dünnen Latten montierte Rahmen besteht aus einer Mittelachse, auf der sich zwei ringförmige, bewegliche Holzscheiben bewegen. An diesen Scheiben sind jeweils sechs wiederum bewegliche Latten befestigt, die sich fächerförmig zu einem Kreis schließen, indem sie sich radial überkreuzen. Alle Enden sind zusätzlich mit Außenlatten verbunden, so dass an allen Eckpunkten jeweils drei Enden zusammenstoßen und mit Kordeln elastisch verbunden sind.
Allein dieses in technisch perfekter Geometrie kunstvoll verknüpfte und luftige Gebilde ist in sich beweglich, und zwar in zwei Richtungen: Die beiden Holzringe auf waagerechter Mittelachse lassen sich stufenlos hin- und herschieben, wobei sich das Lattengerüst notwendigerweise mitbewegen muss. Wird die äußere Ringscheibe gegen den Mittelstab geschoben, bläht sich die Spindelform zunehmend auf. Schiebt man den Ring nach außen gegen den Sperrknopf, legen sich die Stangen wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Diese Art der Bewegung wird ergänzt um die gleichfalls durch Hand angetriebene radiale Rotation des gesamten Steckrahmens um die waagrecht liegende Achse in der Mitte. Sie lässt bei rascher Drehung räumliche Effekte entstehen, wie sie die Kinetik wünschte. Bei kräftiger radialer Rotation des Gerätes bewegt sich die äußere Ringscheibe zusätzlich auf ihrer horizontalen Achse und assoziiert deutlich jene erotischen Bewegungen, die André Breton aus alltäglichen Gegenständen abzuleiten wünschte. Den sexuellen, geschlechtlichen Aspekt – den auch A. Giacomettis berühmte Schwebende Kugel (1930/31) stimuliert – unterstreicht ferner das den Holzknopf durchstoßende Gewinde und die Garnierung dieses "Kopfes" mit Hanf-Locken, die einen Frauenkopf meinen.
Ursprünglich war nun auf die x-förmig miteinanderverbundenen und sich allmählich ausdehnenden Holzlatten des Steckrahmens der Faden aufgewickelt und gestreckt worden, der sich von handlichen Wergknäueln und Spindeln abwickeln ließ. Je nach Umfang des Knäuels – so könnte man vermuten – ließ sich offensichtlich auch auf dem senkrechten Mittelstab die Höhe des Rahmens verändern.

Max Ernst macht nun aber aus diesem alltäglichen Werkzeug ein surreales Spiel-Objekt, indem er die Bewegung verabsolutiert und symbolisch ausdeutet, wie aus der Bezeichnung "objet à fonctionnement symbolique" deutlich wird (vgl. W. Rotzler, Objekt-Kunst, Köln 1975, 67). Bei der Frage nach der inhaltlichen Dimension des Werks muss darüber hinaus an die frühen Aquarelle von 1917/1918 (Spies/Metken 268, 269) erinnert werden, die Max Ernst Kampf der Fische und Sieg der Spindel titulierte und in denen er den im Krieg beobachteten Luftkampf von Flugzeugen abgreift, deren Form nun die Gestalt von Spindeln annimmt. Der Kampf zwischen Leben und Tod im Getriebe der Technik und der Gewalt scheint hier anzuklingen.

Vergleicht man nun originale Garnabwickelmaschinen mit dem Objekt von Max Ernst, so ergeben sich überraschende Aufschlüsse: Die Geräte sind in der Regel nicht wie bei Max Ernst waagrecht auf einen Mittelstab gesteckt, sondern senkrecht auf einen Kastenboden oder auf einen eigens ausgebildeten Fuß montiert. Bemerkenswert ist ferner, dass der Standfuß eines nun in Eisen und Bronze ausgeführten gewöhnlichen Garnwickelgerätes wie eine Glocke ausgebildet ist und – in Analogie zu einem liturgischen Gerät – als Dekoration in Wort und Bild die vier Evangelisten zeigt. Das Kopfende weist demgegenüber einen schalenförmigen Trichter auf, als könnte man hier eine Kerze aufstecken.
Diese unmissverständlichen religiösen "Attribute", wie sie auch an Gebrauchsgeräten zu finden sind, ergeben nun für Spindel und Rocken einen Deutungsmodell im Kontext christlicher Symbolik. Sie gelten als Symbole der Weiblichkeit (Sprüche Salomons), aber auch – der antiken Vorstellung der Schicksalsgöttinnen (Parzen), die den Lebensfaden zuspinnen und im Tode abschneiden, folgend – als christliche Symbole der Zeitlichkeit (Buch Job) wie zugleich ermahnender Hinweis auf die sinnvolle Gestaltung des eigenen Tuns (Augustinus).
Max Ernst nimmt den Appell der "Heiligen Kirche" zum Anlass, ihn mit dem Objet mobile – den 'Familien empfohlen' – ironisch zu hinterfragen. Und er tut dies ungeachtet der Tatsache, dass es sich bei dem Objekt lediglich um einen (verkehrt) rotierende und leerlaufende "Gebetsmühle" handelt. Der Gedanke des "Lebensfadens" verbindet dagegen auf einer um Todesallegorien erweiterten Ebene dieses Objekt mit dem "Sieg der Spindel", deren Maschinenkörper im Kreislauf des Lebens die Macht über Leben und Tod hat.

G.L.

Bildrechte:© (Max Ernst) VG Bild-Kunst Bonn, 2008 // Foto: Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum