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Bildrechte:© (Otto Freundlich) Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum // Foto: Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum
Otto Freundlich
Sculpture architecturale // Architektonische Skulptur, 1934/35
Skulptur
Bronze
128 x 69 x 43 cm

Michael Seuphor hatte 1959 in seiner "Plastik unseres Jahrhunderts" Otto Freundlich ein eigenes Kapitel gewidmet, um seine bedeutende Doppelbegabung als Maler der Geometrischen Abstraktion in Paris um seine Leistungen als Bildhauer zu ergänzen. Aus dem schmalen plastischen Oeuvre des Künstlers, das Ende der zwanziger Jahre zu einer eigenständigen "Abstraktion von zeichenhafter Monumentalität" (Heusinger v. Waldegg, Otto Freundlich, Köln 1978) vorstieß, ragen zwei in Paris entstandene Arbeiten heraus: Ascension (Aufstieg) von 1929 (Bronze 1962) und die Architektonische Skulptur von 1934/35. Während sich im Aufstieg verschlungene Formen und Massen als Ausdruck aufwärtsstrebender "menschheitsverbrüdernder Kräfte" (Otto Freundlich) zeigen, gruppieren sich in der Architektonischen Figur kubisch gebrochene Körper zu Füßen eines Obelisken. Finden diese wulstig und biomorph angehäuften Formen Freundlichs im plastischen Werk der frühen dreißiger Jahre von Pablo Picasso und Henri Laurens eine erstaunliche Parallele, so kann für die Architektonische Skulptur allerdings kein eindeutiges Vergleichswerk benannt werden. Allein das von Naum Gabo geforderte Prinzip des "Konstruierens im Raum" verbindet Freundlichs Werk mit dem Konstruktivismus kubistischer Tradition (wie etwa Malewitsch oder El Lissitzky).

Bereits die frühen Kopfmasken Freundlichs, die zwischen 1910 und 1915 in Paris entstanden, suchten die Verbindung zur architektonischen Strenge. Nach Werner Hofmann gewann Freundlich bereits damals "aus dem Schädel einen Strukturverband tragender und lastender Elemente ... das Kinn wird zur sockellosen Basis, die Nase zur Säule, die Stirn zum lastenden Querbalken". Auf ähnliche Weise kann die Verblockung der Form in der Architektonischen Skulptur interpretiert werden, obgleich hier bei aller Strenge der Gliederung die Kanten aller Formelemente durch weiche Rundungen gemildert und die Oberfläche schuppenförmig strukturiert werden.

Die Plastik ist als Modell für ein riesenhaftes (20 bis 30 m Höhe) architektonisches Monument zu verstehen und verzichtet zur Steigerung der Fernwirkung auf alle Detailformen. Freundlich sprach in diesem Zusammenhang von einer "Berg-Skulptur" ("Sculpture montagne") und dachte dabei offensichtlich an die Einbindung in die Landschaft, die von der Skulptur denkmalhaft beherrscht würde. Einen ähnlichen Gedanken beinhaltet das Großobjekt eines Leuchtturmes der sieben Künste, der um 1936 entworfen wurde und in Auvers-sur-Oise bei Paris im Schnittpunkt zweier europäischer Skulpturenstraßen errichtet werde sollte. Die Architektonische Skulptur muss dieser Gattung von Wahrzeichen und Denkmal eingeordnet werden, die auf die "künstlerische Konzeption der Zukunft" (Otto Freundlich) ausgerichtet ist.

Der klar erkennbare sich nach oben verjüngende Obelisk ist seit der ägyptischen Hochkultur als Wahrzeichen des in den Kosmos ausgreifenden Sonnenkultes verstanden worden. Die zu Füßen des Monuments lagernden raumgreifenden Blöcke, die damit auch die frontale Ansichtsseite festlegen, sind figurativ nur schwer zu entschlüsseln: Andeutungen einer hockenden Figur mit angezogenen Beine sind möglich, wahrscheinlicher ist die Form eines monumentalen leeren Thrones mit seitlichen Wangenstützen und krönendem Baldachin in Gestalt einer kegelförmigen Mütze gemeint. In diesem Falle handele es sich nicht allein um einen Fürstenthron, sondern auch um den "Sitz der Weisheit" ("sedes sapientiae"), der in Verbindung mit dem Obelisken den Menschen den Weg von der Dunkelheit ans Licht und von der dumpf brütenden Materie zum Geist vor Augen führen würde.

G.L.

Bildrechte:© (Otto Freundlich) Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum // Foto: Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum