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Bildrechte:© (Lyonel Feiniger) VG Bild-Kunst Bonn, 2009 // Foto: Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum
Lyonel Feininger
Das Atelierfenster, 1919
Malerei
Öl auf Leinwand
100 x 80 cm (Bildmaß)

Anlass für das Lyonel Feiningers Ölgemälde Das Atelierfenster von 1919 gab dessen Einzug in ein neues Atelier am Bauhaus in Weimar (vgl. H. Hess, Lyonel Feininger, Stuttgart 1959, 88). Das Bild zeigt aber nicht etwa den Arbeitsraum im Inneren, sondern die Außenansicht eines Gebäudes, dessen einziges erleuchtetes Fenster mit einem beleuchteten Teil der Fassade korrespondiert. Beide Motive sind für Feininger mit hohen Gefühlswerten verbunden: Das Fenster verbindet Außenraum und Innenwelt – ein romantisches Symbol für die Anwesenheit des Menschen, für sein Zuhause-Sein.

Für eine erhellte Häuserfassade begeistert sich Feininger bereits in einem Brief vom 13.7.1908, in dem er den nächtlichen Ausblick aus seinem Fenster als ein 'geheimnisvolles' und 'unendliches', 'die Seele wunderbar weitendes' Erlebnis schildert (vgl. Ausst.-Kat. Lyonel Feininger, Kunstverein Hamburg, Hamburg 1961). Die innere Anteilnahme an den Gegenständen seiner Kunst und die metaphysische Grundhaltung, das Gesehene zu transzendieren, zeigen Feiningers Verbindungen zum romantischen Ideengut. Hier unterscheidet er sich auch grundlegend sowohl von den zeitgleich arbeitenden Kubisten und ihren wahrnehmungsorientierten Erkenntnismodellen, als auch von den Konstruktivisten, deren abstrakt geometrische Formen in seinen Bildern zwar ebenso anklingen wie die Objekt-Facettierungen der Kubisten, die jedoch nie Bild bestimmenden Charakter erhalten.

So ist Feiningers Formensprache der reinen Geometrie durchaus verwandt, vor allem ist sie aber in der Auseinandersetzung mit Kubismus und Futurismus entstanden. Unter dem Eindruck des analytischen Kubismus beginnt Feininger 1912, Architekturbilder mit prismatischer Brechung der Formen und übereinandergelegten Farbschichten zu malen. Der etwas wolkige Farbauftrag und die homochromatische Abtönung der Farbe in seinem Bild Das Atelierfenster stehen kubistischer Farbigkeit nahe. Auch die Darstellung des Gebäudes durch Kombination verschiedener Perspektiven geht letztlich auf kubistische Errungenschaften zurück, während sich die radiale Kompositionsstruktur wiederum aus futuristischen Bewegungsstudien herleiten lässt. Was das Gemälde jedoch von den genannten Kunstrichtungen elementar unterscheidet, ist das Prinzip der Gestaltung. Feininger geht nicht analytisch vor, sondern stellt inhaltliche wie formale Zusammenhänge her, um die große Form, den "geschlossenen Klang" zu erreichen, und zu deren Steigerung ins Monumentale zu gelangen. Gerade Linien, Farbkontraste und Lichtwerte sind die Gestaltungsmittel, mit denen Feininger Architektur und Himmel, Außen- und Innenraum zu einer Einheit zusammen fasst, die das Erleben forciert.

Die diagonale von links linear entwickelte Komposition verbindet das Fenster mit dem hellen Teil der Fassade, so dass die von innen durchleuchtete und die von außen beleuchtete Fläche gleichwertig werden. Das Materielle und das Immaterielle werden ununterscheidbar. Beide Motive sind von einem glasigen Blau-Grün, das sich als kalte Farbe gegen den warmen Braunton absetzt. Dieser dichter aufgetragene Ton erzeugt eine Schattenzone von tiefenräumlicher Wirkung, die Innenraumwerte vermittelt. Die Empfindung wird gesteigert durch die "Gegenarchitektur" des Himmels (Ausst.-Kat. Lyonel Feininger, Kiel 1982, 20), die sich auf der rechten Seite als eine positive, kubische Form nach vorn schiebt. Das Grün des Himmels, das eine Affinität sowohl zum Braun als auch zum Blaugrün hat, harmonisiert den harten Kaltkontrast nicht, aber es integriert ihn in einen übergeordneten Farbzusammenklang. "Einheit in der Dualität", schreibt Hess, "ist eine der Grundprinzipien in der Anschauung des Malers (…), die Einheit in der Wechselwirkung, die Bestimmung einer Form durch ihr Gegenbild. Das ist die bildliche Dialektik, mit der Feininger die Stellung des Menschen im Universum ausdrücken konnte." (Hess, ebd., 65)

R.HE.

Bildrechte:© (Lyonel Feiniger) VG Bild-Kunst Bonn, 2009 // Foto: Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum