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Foto: Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum
Duane Hanson
War (Vietnam Piece) // Krieg (Vietnam Stück), 1967
Skulptur
Installation mit 5 Figuren, Polyesterharz und Fiberglas bemalt, Accessoires
ca. 77 x 550 x 355 cm (Objektmaß)

Im Jahr 1967 nahm sich der US-amerikanische Künstler Duane Hanson mit dem Vietnam-Krieg ein Thema vor, das zu dieser Zeit die ganze Welt erschütterte und die amerikanische Gesellschaft polarisierte. Seine beeindruckend lebensechte, scheinbar dokumentarische Gestaltungsweise hatte er bereits bei anderen sozialpolitischen Themen eingeführt. So machte er sich die Bildwirkung der täuschend illusionistisch bemalten Materialien Kunstharz und Fiberglas zunutze und präsentierte die Obdachlosen in der New Yorker Bowery ebenso schonungslos und provozierend.

Mit der lebensgroßen Figurengruppe WarVietnam-Piece (Krieg - Vietnam-Stück) gestaltete Hanson eine drastische Szene aus der zeitaktuellen Geschichte. Auf einem schmutzigen, mit Erde bedeckten Zelttuch sind fünf halbnackte liegende bzw. kauernde Figuren zu sehen, deren authentische Bekleidung mit Uniformhosen, teilweise Stiefeln und Helm sie als amerikanische Soldaten zu erkennen gibt. Auch die Soldaten sind staubbedeckt, scheinbar in der räumlichen Begrenztheit ihres Lagerplatzes sich selbst und dem Sterben überlassen. Die erschreckend realistische Anmutung wird entscheidend dadurch geprägt, dass Hanson die Figuren von menschlichen Modellen abformte.

Der zweite Blick jedoch offenbart, dass Duane Hanson diese so echt wirkende Figurengruppe mit variationsreichen künstlerischen Mitteln arrangiert hat. Dies zeigt sich in der jeweils individualisierten Körperhaltung der Toten und Sterbenden, die sich als Variationen körperlichen Schmerzes, Leidens und tödlicher Erschlaffung verstehen lassen und eine Steigerung und Dramatisierung des Erzählten bewirken. Dreck und Staub, die die Körper bedecken, nehmen hier mehr die Funktion einer Wirklichkeitssimulation an – im Werk schließen sie darüber hinaus die Figurenkomposition vereinheitlichend ab und setzen dem aktuellen Betrachterraum des Museums eine eigene räumliche Gegenwart entgegen. Auch wenn die Komposition selbst keinem klassischen Regelwerk folgt, erinnern die Körperhaltungen ausgewählter Figuren doch an antike Vorbilder und Motive aus der christlichen Ikonografie. Ein einzelner sitzender, bereits im Sturz begriffener und blutüberströmter Soldat scheint die Haltung der bekannten antiken Skulptur des "Sterbenden Galliers" aufzunehmen: Er stützt sich wie dieser mit der Rechten auf dem Boden ab, sein gesenkter Blick deutet bereits die körperliche Schwäche an. Ein weiterer Sterbender mit ausgebreiteten Armen lässt an Darstellungen von Christus mit der Seitenwunde denken. Mit diesen Verweisen wird Hansons WarVietnam-Piece zu einem überzeitlichen Denkmal gegen den Krieg – ähnlich Wilhelm Lehmbrucks Gestürztem (1915/16) aus dem ersten Weltkrieg. Beide Werke haben bis heute nichts von ihrer Gültigkeit verloren.

Die Kriegs- und Krisenberichterstattung in den Medien zeichnet sich gerade heute durch eine erschütternde Distanzlosigkeit aus, die vorgibt, authentisches Dokumentationsmaterial zu liefern. Im Pool der medialen Bilderflut wird dem Betrachter jedoch gleichzeitig auch die Gewähr verschafft, den Raum der Bilder selbst nicht zu teilen, in Sicherheit zu sein. Den so entstehenden Leerstellen der Bilder treten Hanson und andere Künstler entgegen, indem sie Bildstrategien entwickeln, die die Schrecken von Gewalt und Terror aufdecken, ohne die Opfer zu entblößen.

Duane Hansons zeitkritisches Werk wurde 1972 auf der Documenta in Kassel ausgestellt und bald danach für das Lehmbruck Museum angekauft. Im Januar 1973 hat der Künstler die Figurengruppe eigenhändig im Museum so aufgebaut, wie sie noch heute zu sehen ist. Erst 1994 – über 20 Jahre später –  wurde War – Vietnam Piece zum ersten Mal wieder in den USA gezeigt. Anlass war eine Retrospektive zum 70. Geburtstag des Künstlers.

MH/CBK

Foto: Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum