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Bildrechte:© (Joseph Beuys) VG Bild-Kunst Bonn 2007 // Foto: Stiftung Museum Lehmbruck, J. Diemer
Joseph Beuys
Raum 90 000 DM, 1981
Installation
6 Metallfässer mit gegossenen Aluminiumformen, Schöpfkelle, mit Wasser gefüllte und mit Ton ummantelte Badewanne, Papiercollage zwischen Glasscheiben
1000 x 600 cm (Installationsmaß)

Mit seiner Installation Raum 90 000 DM (1981) gestaltet Joseph Beuys ein vielschichtiges Ensemble aus Einzelobjekten, deren Deutung sich erst nach und nach erschließt. Sehgewohnheiten und das Wissen um kulturelle Traditionen spielen als sinnstiftende Komponenten bei Betrachtung und Umschreiten der Installation eine Rolle. Die Arbeit entstand in der Kölner Galerie Jöllenbeck im Jahr 1981, Beuys hatte deren Einzelelemente im Rahmen einer künstlerischen Aktion inszeniert. Mit der Verbindung von künstlerischer Arbeit mit Erfahrungen des Alltagslebens verweist das Werk auf ein grundlegendes Interesse des Künstlers.

Die Orientierung der Objekte, ihr Bezug zur architektonischen Umgebung liefert hierbei einen ersten Anhaltspunkt. Sechs rostige und zerbeulte Fässer und eine Badewanne sind in einer begehbaren Raumecke gruppiert. Erst im Umschreiten lassen sich Details entdecken, lässt sich ein Zusammenhang erfahren. Auffällig ist zunächst die mit Wasser gefüllte Badewanne. Sie ist dient als Bezugspunkt der anderen Gegenstände, nicht allein wegen ihrer Größe, sondern auch deshalb, weil sie prominent gegenüber der Raumecke platziert ist. Beuys greift hier – wie oftmals in seinen Arbeiten – auf das Motiv der Ecke zurück, um es als räumliche Ordnungsvorgabe zu nutzen. Am Äußeren der Wanne ist eine dicke Tonschicht angebracht, in die er in Druckziffern die titelgebende Zahl 90000 eingepresst hatte. Heute ist dieser Schutzmantel mehrfach gebrochen. So lässt die inzwischen durch einen Spalt geteilte Zahl mit gewisser Ironie Platz für die weiteren Nullen einer späteren Preissteigerung. Beuys spielt mit der Zahlenaufschrift auf verkehrte Preis- und Wertvorstellungen von Kunst innerhalb des Kunstmarktes an. Der Marktwert ist nach Beuys eine wandelbare Größe. Kunst hingegen versteht er als ein soziales Phänomen, dessen schöpferisches Potential die Abhängigkeit von wirtschaftlichen Strukturen überschreiten kann. Er fand dafür seine Gleichung "Kunst = Kapital". Insbesondere der Tonmantel könnte – mit Blick auf Beuys übliche Materialdeutungen – diese kreative Kraft verkörpern, die dem alltäglichen Ritual der Reinigung und dem dazugehörigen funktionalen Gegenstand eine mythische Komponente verleiht.

Dahingegen lassen sich die rostigen Fässer als vertraute Überreste industrieller Fertigung ansehen, wecken zugleich auch Assoziationen an den Müll hoch industrialisierter Gesellschaften. Reste der teilweise italienischen Beschriftungen nennen Firmennamen und Produktbezeichnungen. Ehemals enthielten die Fässer Lacke und Fluorcarbonat. Beuys füllte sie mit Metall- und Bleibuchstaben aus Druckereibeständen, die er im Rahmen einer Aktion einschmelzen ließ. Zusammen mit der angehängten Schöpfkelle verweisen sie auf handwerkliche Arbeitsprozesse, den Metallguss, aber auch die alte Technik des Bleisatzes. Beuys nutzt den Verweischarakter der Gegenstände, um damit die Wahrnehmung für die stetige Veränderung und den Entfremdungscharakter menschlicher Tätigkeiten zu schärfen. Auch die Einwirkung von materieller und geistiger Energie auf soziale Prozesse wird sichtbar gemacht.

Die Installation beinhaltet mit zwei übereinander versetzten Glasscheiben, die an einer der beiden Seitenwände gelehnt sind, eine räumlich akzentuierte Kommentarebene. Die aufeinander haftenden Glasscheiben befestigen eine Collage aus verschiedenen beschrifteten Blättern, auf denen u.a. der konzeptuelle Entwurf der Installation festgehalten ist. Daneben hat Beuys Begriffe notiert, die in Verbindung zu seiner Arbeit stehen und weitere Assoziationsfelder eröffnen: "Proportion", "Produktion", "Kunstsoziologie", "erweiterter Kunstbegriff", "Hermeneutik", "Charisma", "economy", "Symphonie No. 6". Ein weiteres Blatt zeigt einige pseudo-chemische Formeln und Gleichungen, die auf Umwandlungsprozesse natürlicher Elemente anspielen. Auch den ersten Verkaufspreis hat Beuys hier notiert: 90 000 DM. Die Begriffe akzentuieren damit die von dem Künstler bereits in den Objekten gezeigten Bezugsfelder der künstlerischen Arbeit.

Das von Beuys verwendete Material scheint auch auf eine übergreifende naturmythische Deutung angelegt. Die vier Elemente kommen in unterschiedlichen Aggregatzuständen zur Anschauung: Wasser in der Badewanne, Erde in dem Tonmantel, Feuer und Luft in den geschmolzenen Buchstaben. Anfang der 1980er Jahre, als dieses Werk entstand, hatte sich Beuys intensiv mit der Ökologie und der politischen Umsetzung ihrer Ziele beschäftigt. Mit dem Begriff "Proportion" auf einem der Notizzettel der Installation verfolgt er wohl auch die Absicht, auf die Zerstörung der Natur hinzuweisen und ein angemessenes Verhältnis der Menschen zu ihr einzufordern. Die Installation 90 000 DM gehört zu den Werken, die Beuys unter das Motto "Difesa della Natura" (Verteidigung der Natur) gestellt hat.

CBK

Bildrechte:© (Joseph Beuys) VG Bild-Kunst Bonn 2007 // Foto: Stiftung Museum Lehmbruck, J. Diemer