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Bildrechte:© (Christian Boltanski) VG Bild-Kunst Bonn, 2006 // Foto: Städt. Museum Abteiberg
Christian Boltanski
Reserve of the German Family // Reserve der deutschen Familie, 1991
Installation
420 Metallkisten, s/w-Fotos, elektrische Lampen, Kabel
ca. 242 x 163 x 187 cm (Installationsmaß)

Christian Boltanski thematisiert in seiner Arbeit Reserve of the German Family, die 1991 vollendet wurde, das persönliche und das kollektive Erinnern. Phänomene der Vergänglichkeit und Überlieferung verdichten sich darin zu Wahrnehmungsformen beklemmender historischer Erfahrung.

Von außen gesehen erscheint die begehbare Zelle aus kargen und verwitterten Blechkisten wie eine abweisende Mauer. Erhöht angebrachte, altmodische Bürolampen kündigen jedoch bereits einen begehbaren Ort im Inneren an. Sie evozieren bürokratische Penibilität und den düsteren Eindruck von Archivräumen. Angezogen von der theatralisch schummrigen Beleuchtung erschließt sich der Weg zu einer schmalen Raumzelle mit unbehaglicher Atmosphäre.

Die übermannshoch aufgetürmten Kästen entpuppen sich als gewöhnliche Keksdosen und scheinen somit bedeutungsschwere Behältnisse für private Relikte jener im Titel des Werkes erwähnten "deutschen Familie". Tatsächlich allerdings sind diese gleichförmigen metallenen Kisten leer. Äußerlich unterscheiden sie sich lediglich durch die nostalgischen s/w-Fotos, die wie identifizierende Etiketten oder Inventarnummern auf ihnen kleben.

Es handelt sich um
zufällig gefundene Fotos, die vornehmlich in den 40er Jahren in Berlin entstanden. Die Personen bleiben anonym. Auch die Frage, ob es tatsächlich eine einzige Familie ist, deren Vergangenheit punktuell durch fotografische Zeugnisse der Zeit dokumentiert ist, oder ob eine fiktive Geschichte erzählt wird, bleibt offen und ist eigentlich ohne Belang, denn die Fotos sind prinzipiell austauschbar. Die Aufnahmen sind ebenso persönlich wie klischeehaft und schlagen gerade dadurch Brücken vom Sehen zum Wiedererkennen. Sie verweisen auf Abwesende aus einer vergangenen Zeit, die fremd und doch vertraut genug sind, um eigene Erinnerungen und Vorstellungen damit zu verbinden. Deshalb geht die Betrachtung der Fotos in dem emotional aufgeladenen Ambiente besonders nahe. Fast jeder kennt ähnliche Motive aus den Fotoalben der eigenen Familie. Verwunderung mag darüber entstehen, wie sehr sich die Bilder ähneln. Jeder kann sich ein Stück weit damit identifizieren, stellt Vergleiche an, konstruiert Zusammenhänge und fühlt sich dabei leise unwohl – der vordergründigen Heiterkeit zum Trotz.

Das Wort 'Reserve' mag neutral als Vorrat verstanden sein, als eiserne Ration in Zeiten der Not. Vor dem Hintergrund der Fotos, in Anbetracht von Ort und Zeit ihrer Entstehung, beinhaltet Reserve jedoch insbesondere Reserviertheit und Vorbehalt gegenüber einer allgegenwärtigen dunklen Vergangenheit mit ihren unheilvollen Hinterlassenschaften.

Boltanskis inszenierter Geschichtsraum beschreibt einen Ort kollektiver Verwaltung von Erinnerung, dessen vordergründige Abgeschlossenheit durch private Rückblenden aufgebrochen wird. Der Einblick in das intime Familienarchiv bezieht seine politischen Konnotation aus dem assoziierten Wissen um die Infiltrationen des nationalsozialistischen Verwaltungs- und Archivapparates in alle Bereiche der Gesellschaft. Serielle Ordnung und verwalteter Raum werden zu pervertierten Chiffren einer noch andauernden Moderne.

Unter Verzicht auf eine persönliche Anklage zeigt Boltanski Mechanismen der Wahrnehmung auf, die auch geprägt sein können durch Vorurteile und kollektives Gewissen, durch scheinbar neutrale Akte des Abschließens und Verbergens.

Die konzeptuelle Beschäftigung mit der Geschichte des Nationalsozialismus zieht sich durch das künstlerische Werk von Christian Boltanski wie ein roter Faden. Immer wieder hat er sich zu diesem Thema geäußert, so auch in einem Interview, das 1991 im Katalog der Hamburger Kunsthalle erschien: "Meine Arbeit behandelt nicht das Thema Holocaust – das wäre schamlos. (...) Aber meine Kunst hat das Bewusstsein von Holocaust – es ist nicht eine Kunst, die Holocaust zum Thema hat oder etwa erklärt, sondern die sich erklärt, weil es den Holocaust gegeben hat. Es ist eine Kunst danach."

Das Werk Boltanskis gehört neben den konzeptuellen Denkmalsentwürfen von Jochen Gerz, den Arbeiten Hanne Darbovens, Anne und Patrick Poiriers zu einer in den achtziger Jahren hervortretenden Auseinandersetzung mit den Vorgaben unserer historischen Erinnerung.


H.K.

Bildrechte:© (Christian Boltanski) VG Bild-Kunst Bonn, 2006 // Foto: Städt. Museum Abteiberg