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Bildrechte:© (Christian Boltanski) VG Bild-Kunst Bonn, 2008 // Foto: K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen
Christian Boltanski
El Caso, 1988
Installation
80 Schwarzweißfotografien (40 Porträts, 40 Tatortaufnahmen), 40 Keksdosen, 52 Lampen, Kabel Leintücher, Holzregale
Raumgröße: ca. 350 x 800 x 600 cm

Die Rauminstallation El Caso ist 1988 anlässlich von Christian Boltanskis Einzelausstellung im Centro de Arte Reina Sofía in Madrid entstanden. Sie besteht aus drei nebeneinander an einer Wand aufgestellten hölzernen Regalen, in die Stapel von Leintüchern geschichtet sind, sowie aus 40 unregelmäßig über die Wand verteilten, gerahmten fotografischen Porträts von Männern, Frauen und Kindern. Unter jeder der Schwarzweißaufnahmen ist ein kleiner silberner Blechkasten an der Wand montiert. Es sind Keksdosen, wie sie früher zur Aufbewahrung von persönlichen Besitztümern benutzt worden sind. Die über den Fotografien angebrachten Klemmlampen, deren lose schwarze Kabel ein netzartiges Liniengewirr auf der weißen Wand zeichnen, sind die einzigen Lichtquellen im Raum, der so in eine düstere Stimmung getaucht ist. Die eindringliche Wirkung der im Halbdunkel einzeln beleuchteten, sachlich bis freundlich wirkenden Gesichter lässt an eine Gedenkstätte, an ein Archiv und zugleich an eine Grabkammer denken. Im Sinne der von Boltanski als "musée affectif" bezeichneten Rauminstallationen, die seit den frühen 1980er Jahren entstehen und den Betrachter nachdrücklich zur emotionalen Teilhabe auffordern, transformiert El Caso einen Galerieraum in einen atmosphärisch verdichteten Ort der Reflexion über das Verschwinden und Vergessen, über Erinnerung und Tod.
    
Der Titel El Caso bezieht sich auf ein spanisches Wochenblatt, das mit der sensationslüsternen Schilderung von Kriminalfällen das Interesse einer eher einfachen Leserschaft befriedigt. Die Fotografien, die Boltanski alle der Zeitschrift "El Caso" entnommen hat, stellen unterschiedslos Opfer und Täter dar. Die namenlosen Gesichter wirken zudem durch den standardisierten Bildausschnitt vereinheitlicht. Die Blechdosen unter den Bildern dienen zur Aufbewahrung der jeweiligen Tatortfotografien, die Boltanski in dem als Künstlerbuch gestalteten Katalog zur Ausstellung in Madrid publizierte. Im Jahr 1990 griff er auf diese Fotos noch einmal zurück und verarbeitete sie zu einem kleinen Booklet, das als Edition der Schweizer Kunstzeitschrift "Parkett" erschien (1990, Nr. 22). Die Regale mit den Leintüchern erweitern das Assoziationsspektrum in Richtung Verbrechen, Verletzung und Tod, dies jedoch wiederum nicht in einem individuellen, sondern in einem kollektiven und sogar administrativen Sinne, was die schiere Menge der gefalteten Tücher belegt. Mit der Verarbeitung von Fotografien aus der spanischen Yellow Press stellt Boltanski in seiner Installation einen gewissen lokalen Bezug her, der sich ferner auch darauf bezieht, dass das im Jahr 1986 eröffnete Centro de Arte Reina Sofía in einem Gebäude untergebracht ist, das früher einmal ein großes Hospital beherbergte.

Boltanski hat um 1970 einen von der Konzeptkunst beeinflussten künstlerischen Ansatz entwickelt, in dem vermeintlich wissenschaftliche Methoden wie Konservieren, Archivieren und Klassifizieren als künstlerische Tätigkeiten zur Untersuchung der Relation von Individualität und Kollektivität zum Einsatz kommen. Seine Versuche, Vergangenes zu rekonstruieren und vor dem Verschwinden zu bewahren, die der künstlerischen Richtung der "Spurensicherung" zugerechnet wurden, stellen kaum noch Werke in einem tradierten Sinne dar, vielmehr handelt es sich dabei um Konzepte, auf die Boltanski im Verlauf des künstlerischen Schaffens immer wieder zurückgegriffen hat. Ein prägnantes Beispiel für diese konzeptuelle Praxis ist die Inventar genannte Arbeit, in der zur Befragung der Identität einer Person deren gesamter Besitz für die Dauer einer Ausstellung in einer musealen Präsentation gezeigt wird. Mit El Caso greift Boltanski ebenfalls auf eine Arbeit aus den frühen 1970er Jahren zurück: Réserve: Détective (1973) präsentierte 408 Fotos von Tätern und Opfern aus der französischen Kriminalzeitschrift "Détective". Boltanskis Installationen von gleichrangig nebeneinander angeordneten Täter- und Opferporträts verdeutlichen, dass Moral unsichtbar ist,
dass individuelle Züge unvermeidlich im Kollektiven aufgehen und dass es eine Paradoxie des Gedenkens gibt, die in der Unmöglichkeit von gleichzeitigem Verewigen und Vergessen liegt.
    
DK

Bildrechte:© (Christian Boltanski) VG Bild-Kunst Bonn, 2008 // Foto: K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen