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Bildrechte:© Thomas Struth // Foto: K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen
Thomas Struth
Audience 4, 2004
Fotografie
C-Print
178 x 335,8 cm

"Fotografieren ist für mich vor allem ein intellektueller Prozess, um Menschen und Städte und ihre historischen und phänomenologischen Verbindungen zu verstehen" (Thomas Struth, 1990).
Thomas Struth zählt zu den bedeutendsten Fotografen der Gegenwart. Seit Mitte der 1980er Jahre gehört er zu den herausragenden Künstlern, die im Zeitalter einer überwiegend computergesteuerten Bilderflut auf die Bildmacht der großformatigen analogen Fotografie vertrauen und ihr zu neuer Intensität und Wirkungskraft verholfen haben.

Die vier Arbeiten aus Struths 2004 entstandenen Zyklus Audience gehören zu der Reihe der Museumsfotografien, die der Künstler Ende der 1980er Jahre begonnen hat. Die Werke zeigen in den großen Galerien der Welt Besucher vor oder in der Nähe von berühmten Beispielen der Kunstgeschichte. Die Menschen sind in die Betrachtung von Gemälden und Skulpturen versunken; sie führen Gespräche vor den Exponaten oder sind mit völlig anderen Tätigkeiten, bisweilen auch nur mit sich selbst beschäftigt. Herausgelöst aus dem Alltag und aus den Problemen mit Beziehungen, Familie oder Beruf, sind diese Personen, wie Struth betont, einer so ganz anderen historischen und Geisteswelt ausgesetzt, dass sie sich in einem geradezu schockartigen Zustand befinden können, der sie sprachlos und handlungsunfähig zu machen scheint.

Jede diese Museumsfotografien gibt einen einzigartigen Augenblick wider, der unwiederbringlich im nächsten Moment verloren gehen wird. Der in unserer hochtechnisierten Zeit fast anachronistisch anmutende Einsatz einer Plattenkamera unterstreicht die Einmaligkeit des festgehaltenen Zeitpunktes – eine Funktion aus der Frühzeit der Fotografie, die das Medium inzwischen längst verloren hat. Aus der Vielzahl der entstandenen Aufnahmen trifft der Künstler eine Auswahl und legt den Ausschnitt der endgültigen Arbeit fest. Struth arrangiert für seine Fotografien die Akteure nicht. Er greift auch nicht nachträglich in die entstandenen Kompositionen digital ein, um beispielsweise der Arbeit ornamentalen Charakter zu verleihen. Auch komponiert er seine Aufnahmen nicht, um sie auf berühmte Vorbilder aus der Kunstgeschichte anspielen zu lassen.

Ein wichtiges Merkmal der Museumsfotografien besteht in der Verknüpfung verschiedener historischer Zeiten: Wir, die Betrachter heute, sehen Besucher der nahen oder nächsten Vergangenheit im Museum, das heißt in einem aus dem historischen Ablauf ausgegliederten Ambiente. Die Galeriebesucher schauen bildkünstlerische Werke einer noch weiter zurückliegenden Epoche an. Die Exponate im Museum wiederum führen, wenn es sich beispielsweise um ein Historienbild handelt, in eine weitere geschichtliche Phase ein. Ferner markiert der Moment, in dem der Künstler die fotografische Platte belichtete, einen weiteren historischen Augenblick. Alle historischen Zeitpunkte werden mit der privaten Geschichte der Museumsbesucher, also mit ihrem individuellen Schicksal verbunden. Diese Verschränkung der verschiedenen historischen Abschnitte ergibt ein lebendiges Patchwork aus Epochen und Ereignissen. Es werden aber auch Fragen aufgeworfen, wie zum Beispiel nach dem Zweck des Museumsbesuchs, nach der Aufgabe des Museums und schließlich nach der Funktion von Kunst. Es geht um die Bedeutung der ausgestellten Werke für die Gegenwart, und es geht um unser eigenes Verhältnis zu Geschichte. Struths Museumsfotografien sind eine komplexe Betrachtung über unser Verständnis von Geschichte und die Relevanz historischer Ereignisse.

Struths künstlerisches Schaffen vollzieht sich in Werkgruppen. Der Zyklus Audience (Publikum) aus der Gruppe der Museumsfotografien  umfasst sechzehn Arbeiten – hier im Bild Audience 04. Jede dieser Aufnahmen zeigt Besucher in der Galleria dell'Academia in Florenz an ein und derselben Stelle, an der Kreuzung von zwei Arkadengängen in der Galerie. Obwohl durch den Titel zu einer Serie zusammengefasst, steht jede Arbeit des Zyklus autonom für sich. Denn es sind immer wieder andere Menschen, einzeln oder in Gruppen, zu sehen. Innerhalb der Werkgruppe gibt es – wie auch bei anderen Serien des Künstlers – keine Entwicklung, die erzählt werden könnte.

Und doch beleuchtet erst die Zusammenschau von mehreren Arbeiten der Serie Audience einen wichtigen Aspekt, der jeder einzelnen Arbeit innewohnt. Formal entsteht diese Wirkung durch die weitgehend gleichmäßige Ausleuchtung, die Struth durch das indirekte Blitzlicht, das er in den Kuppelraum hineinrichtet, erzielt. Die Beleuchtung schafft eine Ausgewogenheit, durch die alle Dargestellten nahezu die gleiche Aufmerksamkeit erfahren und somit kompositorisch gleichwertig sind. Eine vordergründige Dramatisierung mit Haupt- und Nebenrollen ist vermieden. Jedes Werk kann als ein Symbol für Ausgleich und Ausgewogenheit verstanden werden. Auf diese Weise wird die lebendige und dynamische Vielfalt aus Personengruppen und Einzelfiguren deutlich. Die gleichzeitige Ansicht mehrerer Werke macht aber erst offenbar, dass Struth Menschen unterschiedlicher Generationen und aus verschiedenen sozialen Schichten, unterschiedlichen Kulturen und Kontinenten in der Betrachtung von Kunst vereint zeigt. Dienen Struth in seinen anderen Arbeiten zur Verbildlichung seiner Intentionen Motive, die er auf seinen Reisen in Europa, nach Australien, Ostasien und in die USA gefunden hat, so führt er in Audience in einem umgekehrten Verfahren die ganze Welt an einem Ort zusammen. Dass es sich um das "gute alte Europa" handelt, kann als Zufall gelten, mag aber auch als Ausdruck einer Sehnsucht verstanden werden, dass dieser Kontinent, der häufig Ausgangspunkt verderbenbringender Entwicklungen war, zur Lösung anstehender drängender ökonomischer, ökologischer und nicht zuletzt religiöser Probleme beitragen solle. Die Beziehungen zwischen Kulturen und Zeiten scheinen Struth sinnbildhaft dazu zu dienen, vor dem Hintergrund einer fortschreitenden Globalisierung nach der Rolle der "Alten Welt" zu fragen.

Die entscheidende Neuerung in Audience gegenüber den bisher entstandenen Museumsfotografien besteht darin, dass das Kunstwerk, zu dem die Galeriebesucher in den vorangegangenen Fotografien in was auch immer für einer Beziehung standen, hier nicht sichtbar ist. Der Betrachter von Audience fragt sich daher, wohin die Menschen schauen und was ihre Aufmerksamkeit erregt. Struth hat die Kamera unmittelbar neben dem Objekt des Interesses plaziert und es auf diese Weise ausgeblendet. Er zeigt lediglich die Besucher der Galleria dell' Accademia, eines der berühmtesten Museen der Welt und Anziehungspunkt der Touristen in Florenz. Leicht lässt sich feststellen, dass die Menschen da stehen, wo der David, Michelangelos berühmte Skulptur, aufgestellt ist. Die Arbeit, bekannt durch Reproduktionen und Nachbildungen bis in die letzten Winkel des Globus, ist ein beliebtes Objekt unterschiedlicher Werbestrategien. Heute dient es als Sinnbild der Sehnsucht nach Unabhängigkeit, Schönheit, Kraft, Macht, Lust, Unberührtheit, Überlegenheit, Selbstsicherheit, Ruhe – eine nicht endende Folge von Attributen. Der David ist eines der zentralen Beispiele, die zeigen, wie Kunstwerke, ohne Rücksicht auf den ursprünglichen Kontext der Entstehung und Bedeutung, verfügbar gemacht werden können. Ursprünglich war die Skulptur Ausdruck des sich in der Renaissance emanzipierenden Bürgertums gedacht und ein wichtiges Symbol der sich gegen Angriffe behauptenden Stadt Florenz. 1499 hatten die politischen Entscheidungsträger, unter der Bedrohung französischer Truppen, Michelangelo den Auftrag erteilt, ein Sinnbild für die an der Unabhängigkeit festhaltende Republik zu schaffen. 1504 wurde der David vollendet. Das monumentale Werk, dessen physische Präsenz im Widerspruch zu der im Alten Testament beschriebenen Zartheit des Jungen steht, wurde auf der Piazza della Signoria, dem Zentrum der Stadt, aufgestellt. Anläßlich der Feier zum 500. Jahrestag der Vollendung der Skulptur erinnerte man an die Umstände ihrer Entstehung in einer Ausstellung, ein Ereignis, das besonders viel "Publikum" – "Audience" auf sich zog.

Indem Struth Michelangelos Ikone zum Gegenstand seiner Arbeit macht, ohne es ins fotografische Visier zu nehmen, lenkt er die Aufmerksamkeit in ganz besonderer Weise auf das Objekt. Darüber hinaus verkehrt er durch dieses Vorgehen das traditionelle Verhältnis zwischen Besucher und Objekt. Denn die Menschen werden aus der Position des historischen Monumentes gesehen, als würde dieses, das selbst Gegenstand des Staunens ist, seinerseits nun die Betrachtung des Publikums aufnehmen. Die ungewohnte Umkehrung und die damit ausgelöste Wechselwirkung zwischen Denkmal und Rezipient, der zugleich Akteur der Geschichte ist, eröffnet einen weiteren Diskurs über unser Verhältnis zu Geschichte. Wie ein ironischer Kommentar wirkt es schließlich, wenn man feststellt, dass das Anschauungsobjekt, der David, mikroskopisch klein in manchen Brillengläsern der Museumsbesucher abgebildet ist und so zum Gegenstand einer wortwörtlichen Reflexion geworden ist.

Struths Fotografien dienen als Katalysator. Seine Arbeiten entführen zunächst – auch wenn es sich nicht um Museumsfotografien handelt – in eine scheinbar simple Welt mit Blumen oder mit undurchdringlicher Natur, in eine Welt mit menschenleeren Straßen oder mit geschäftigen Stadtteilen, sie konfrontieren uns mit einzelnen Personen oder mit Familien – es sind scheinbar beiläufige Szenen, selbst wenn es sich um Posen für den Fotografen handelt. Die Beschäftigung mit diesen Darstellungen eröffnet sodann Erkenntnisse über das Sujet und die Komposition. Und plötzlich befinden wir uns, ausgelöst durch das Gesehene, unversehens und ungewollt, grundsätzlichen Fragen über Politik, Umwelt, Geschichte oder Psychologie ausgesetzt – Grundfragen unseres Daseins und unseres Zusammenlebens, deren Beantwortung wir selbst zu leisten haben.

Autor

Bildrechte:© Thomas Struth // Foto: K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen