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Bildrechte:© 2009 Thomas Struth // Foto: Kunstsammlungen der Ruhr-Universität
Thomas Struth
Sommerstraße, Düsseldorf, 1980
Fotografie
S/W Fotografie, Silbergelanineabzug
Bild: 40 x 56 cm; Rahmen: 68 x 85,5 cm

Thomas Struths Auseinandersetzung mit Wolfgang Köhlers Buch "Die Aufgabe der Gestaltpsychologie" (1969/71) ließ ihn erkennen, dass der Prozess des Beobachtens das Beobachtete erst hervorbringt und Wahrnehmung somit notwendig das Ergebnis einer Interaktion von Wahrnehmendem und Wahrgenommenem ist. Diese Überlegungen führten Struth dazu, seine Fotografie als "psychologische Forschung" zu begreifen. Seit Beginn seiner Arbeit in den 1970er Jahren untersucht er, wie Menschen in bestimmten Umfeldern Wirklichkeit wahrnehmen. Das geschieht in unterschiedlichen Werkgruppen auf differente Weise.

Die erste Werkgruppe, die er bis heute weiterentwickelt, verdankt sich einem ausgeprägten Interesse an dem städtischen Lebensraum, in dem er seit 1973 selbst lebt. 1976 war der 1954 in Geldern am Niederrhein geborene Künstler nach Düsseldorf gezogen. Zunächst sind es die Städte der Umgebung, die Struth als Bildgegenstand wählt. Während Bernd und Hilla Becher die historisch verlustig gehende Industriearchitektur registrieren und typologisieren, zielen Struths Stadtansichten auf eine den Aufnahmen eingeschriebene unbewusste Geschichte ab, die sich, so Struth, auf die in den Städten Lebenden auswirkt. Anspielungshorizont für diese Auffassung sind Walter Benjamins Studien über das "Optisch-Unbewusste". In dessen Aufsätzen "Das Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit" von 1936 (Frankfurt/M. 1977, 36) und der "Kleinen Geschichte der Photographie" aus dem Jahr 1931 (in: Ebd., 45-64) hatte Benjamin das mit der Kamera freigelegte "Optisch-Unbewusste" als ein Potential gewürdigt, das mit der Entdeckung des Triebhaft-Unbewussten Sigmund Freuds vergleichbar sei.

Struth spielt in seinen frühen Fotografien mit dieser Allusion und mit dem der Fotografie zugrundeliegenden Tiefenraum. Seine Aufnahmeparameter weisen den Betrachtern einen festen Ort zu. Der Blick wird, wie die Fotografie Sommerstraße Düsseldorf zeigt, zentriert: Die Schwarz-Weiß-Fotografie aus dem Jahr 1980 gewährt einen tiefen Einblick in eine menschenleere Straße. Wechselnde Häuserfassaden, die sich gleichmäßig in die Bildtiefe verjüngenden Straßenbahnschienen, Parkbuchten und Oberleitungen folgen der zentralperspektivischen Ordnung der Fotografie. Die bildmittig über der Straße hängenden Straßenlampen strukturieren als weitere Requisiten städtischer Logistik die helle Himmelzone in der Aufnahme.

Struths Fotografie führt nicht die medial verbreiteten Sehenswürdigkeiten der Stadt vor Augen. Sommerstraße Düsseldorf – wohl tatsächlich die "Sommersstraße" im Stadtteil Dehrendorf – zeigt vielmehr eine ganz gewöhnliche Straße mit Wohnhäusern, die überdies in nüchternem Schwarz-Weiß gehalten, kaum bildwürdig erscheint, in ihrer Normalität vermutlich auch von ihren Bewohnern kaum wahrgenommen wird. Doch bringt das exakt komponierte Bild der menschenleeren Straße jene Eigenschaften der Stadt zum Vorschein, die von den Einschreibungen einer unbewussten Geschichte zeugen, von den unbeachteten Spuren kultur- und soziohistorischer Entwicklungen, urbaner und architektonischer Planungsgeschichte gezeichnet sind – und die unmittelbaren Einfluss auf die Lebenswirklichkeit im Stadtraum haben.

F.W.

Bildrechte:© 2009 Thomas Struth // Foto: Kunstsammlungen der Ruhr-Universität