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Bildrechte:© (Günter Fruhtrunk) VG Bild-Kunst Bonn, 2008 // Foto: Museum am Ostwall, J. Spiler
Günter Fruhtrunk
Cantus firmus, 1964
Malerei
Acryl auf Pressholz
41,5 x 50,5 cm

Im querrechteckigen Format liegt eine bildinterne, längsrechteckige Folge von schwarz-weiß-blauen Streifen in unterschiedlicher Breite, die mit deutlichem Abstand vom rahmenden Grund eine optische Wirkung evozieren. Drei horizontale Zonen der vertikal aufgebrachten, gleichmäßigen Farbstreifen lassen sich unterscheiden. Deutlich gegeneinander versetzt und dadurch in unterschiedlicher Weise rhythmisiert, fügen sie sich zu einer klar aufgebauten Farb- und Formstruktur. Die obere Folge der hier zu kurzen Balken variierten Farbfelder und Leerstellen, die den schwarzen Grund preisgeben, wird von einem anderen Rhythmus der schwarz-weiß-blauen Streifen bestimmt als die beiden unten anschließenden Strichfolgen. Die oben dominierenden 12 weißen Streifen stehen den dunklen Leerstellen des Grundes in der zentralen Sequenz gegenüber, erscheinen phasenverschoben. Auch die blauen Streifen in der oberen Folge, die jeweils direkt an weiße Balken anschließen und deren Form verunklaren, setzen sich in der mittleren Streifenzone nicht in der Vertikale fort. In der untersten Streifensequenz, die nunmehr 7 weiße und erheblich dünner ausgeführte Streifen enthält, setzt sie das Prinzip des Versatzes fort.

Heute mag sich die Assoziation an einen Barcode von Waren einstellen, wenn man Günther Fruhtrunks Cantus firmus betrachtet. Die horizontal gegeneinander verschobenen Streifenfolgen rufen die Erinnerung an einen elektronisch lesbaren Strichcode hervor, der jedoch im Entstehungsjahr des Werkes, 1964, noch gar nicht existierte. Aber vor allem die optische Wirkung der zu einer Einheit verbundenen Streifensequenzen erzeugt ein ganz anderes Bild: Fruhtrunk erreicht eine Autokinese des Auges durch die Farbwahl und den gezielten Einsatz der schmalen, blauen Randstreifen im bildparallel geführten Rhythmus der weißen Balken und schwarzen Leerstellen des zentralen Hauptfeldes im Bild.

Drei Zonen lassen sich wie beschrieben unterscheiden, wobei die Abfolge der weißen Balken als tonangebender Rhythmus bzw. Kernmelodie gelten kann. Die zwölffache Folge der schmalen oberen Zone der weißen Balken, die zur Bildmitte hin breiter werden, um zum rechtem Rand wieder erkennbar abzuschwellen, setzen die feststehende Melodie (cantus firmus) des polyphonen Gesamtklanges des Bildes fest. Es folgt die lange wie breite Hauptzone der Komposition, in der der Cantus firmus der weißen Streifensequenz begleitet und umspielt wird von blauen, den longitudinalen Kontur verflimmernden Farbstreifen, während die Leerstellen in der Sequenz durch den schwarzen Bildgrund gefüllt werden. Die untere Zone als schmale Coda mit sieben kleinen weißen Streifen auf schwarzem Grund beschließt die Komposition des Cantus firmus.

Fruhtrunk, der bei William Straube (1871-1954) Privatunterricht hatte, ab 1954 über ein Parisstipendium Hans Arp traf und im Atelier von Fernand Léger arbeitete, kannte die konkrete Malerei des Bauhauses, den geometrischen Suprematismus russsicher Künstler sowie die künstlerischen Ansätze aus dem Umfeld von Orphismus und Op Art wie sie Robert Delaunay oder Victor Vasarely entwickelt hatten. Seit seiner Pariser Jahre experimentierte Fruhtrunk in der Form bildparallel geführter Farbflächen mit denen er im Machschen Sinne die optisch irritierende Folge von Form und Farbe in Relation zu Räumlichkeit und Fläche auslotete. Fruhtrunk gelang in den 1960er Jahren der Übergang von der konkreten Kunst zur Op Art. Diese gründete letztlich im Spätwerk Delaunays Wahrnehmungskompositionen, die seinen Versuch einer Cinétisme Optique verdichteten. Die suggestive Kinetik in der Wahrnehmung reiner geometrischer Feld- und Farbfolgen wurde schließlich zentrales Thema bei Fruhtrunk. Er ist darin den bisher genannten Künstlern ebenso verpflichtet wie den gestaltpsychologischen und wahrnehmungstechnischen Forschungen von Ernst Mach (1838-1916), der als Physiker, Philosoph und Wissenschaftstheoretiker zunächst den Dopplereffekt und die Machschen Streifen praktisch nachwies und wahrnehmungstheoretisch fundierte. Mit beiden Effekten, die Farbvibrationen, Lichtflimmern und den Wechsel der Raumebenen suggerieren, operiert Fruhtrunk in seinem Hauptwerk. Er provoziert ein kinetisches Sehen, das im Formalen auf der Ruhe der Reihung der Farbstreifen beruht. Fruhtrunk erreicht damit die klassische Autokinese als optische Täuschung, bei der kleine Farbränder – hier blau – vor sonst dunklem bzw. stark kontrastierend weißem Hintergrund dem Betrachter suggerieren, dass die schwarzen und weißen Farbbänder auf ihn zu oder weg springen, während die Ränder der Farbstreifen zu oszillieren scheinen. Fruhtrunk evoziert mit der Streifensequenz seines Cantus firmus, die trotz ihres Rhythmus keinerlei Bewegung anschaulich macht, ein Höchstmaß an räumlicher Sehirritation – eine Verschiebung wie zugleich Verunklarung scheinbar definierter Farb- und Formgrenzen.


E.T.

Bildrechte:© (Günter Fruhtrunk) VG Bild-Kunst Bonn, 2008 // Foto: Museum am Ostwall, J. Spiler