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Bildrechte:© (Robert Filliou) Marianne Filliou // Foto: Museum am Ostwall
Robert Filliou
Hand Show, 1967
Objekt
Holzschuber mit Plexiglasscheibe, innen Offsetdrucke
H. 30 cm x B. 24 cm x T. 4 cm

In ähnlicher Weise wie dem Auge werden auch der Hand vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten, eine eigene und individuelle "Mimik" zugesprochen. Mit der Sprache der Hände, dem Händedruck, dem Handzeichen, der Handsprache, aber auch dem Abdruck der Finger verbinden sich zahlreiche Formen der Sprache und Kommunikation. Auch Lebensgewohnheiten und charakterliche Eigenschaften des Menschen, seine Vergangenheit oder gar Zukunft wollte man gemäß der Chiromantie – so beispielsweise in Meyer's Konversationslexikon von 1888 zusammengefasst, – in den individuellen Formen und Lineaments der Hand erkennen. Und die Chirurgie bot dazu die durch "Handwirkung" erzeugte ärztliche Kunst.

Der Begriff von der 'Hand des Künstlers' verleiht der Individualität der Hand, ihrer speziellen Erscheinung und damit zugleich auch der Eigenheit, Eigenständigkeit und Authentizität derjenigen Dinge, die sie erschaffen hat, besonderen Ausdruck. Hier steht 'Hand' nicht nur im engeren Sinn für das Körperteil selbst, das einen Gegenstand geformt hat, sondern für einen künstlerischen Entstehungsprozess einschließlich aller möglichen Assoziationen zu künstlerischem Genie, Genialität, Handwerk, Einzigartigkeit und Unmittelbarkeit. Wohl kaum ein anderes Œuvre und ein anderer Künstler entspricht diesen Vorstellungen so genau wie Auguste Rodin. Die von ihm gestalteten Hände, aber auch seine eigene 'schöpferische Hand' avancierte zur 'Künstlerhand' par exellance: "Man geht unter seinen tausend Dingen umher, überwältigt von der Fülle der Funde und Erfindungen, die es umfasst, und man sieht sich unwillkürlich nach den zwei Händen um, aus denen diese Welt erwachsen ist. Man erinnert sich, wie klein Menschenhände sind, wie bald sie müde werden und wie wenig Zeit ihnen gegeben ist, sich zu regen. Und man verlangt die Hände zu sehen, die gelebt haben wie hundert Hände, wie ein Volk von Händen, das vor Sonnenaufgang sich erhob zum weiten Wege dieses Werkes. Man fragt nach dem, der diese Hände beherrscht. Wer ist dieser Mann?" (R.M. Rilke, Rodin, 1902)

Robert Fillious Hand Show, ein in 150-facher Auflage gefertigter hölzerner Schuber mit herausziehbarem Plexiglasdeckel, widmet sich 1967 ganz jenem Thema der 'Künstlerhand'. Außen mit einem chiromantischen Schema, d.h. einer Anleitung zum Handlesen bedruckt, enthält der Schuber eine Serie von 22 Hand-Bildern im Offsetdruck. "Dank unsicherer Interpretation und hier und dort aufgelesener Hinweise wird man sich seine eigene Meinung über die Werke bilden können, ohne auf jene Zwischenträger zurückgreifen zu müssen, die man als Kunstkritiker bezeichnet." Spitz-ironisch kommentierte Fluxus-Kollege George Maciunas, der Einladung und Layout zur Erstausstellung von Hand Show im Schaufenster von Tiffany in New York erstellte, die Serie.

Die Arbeit zeigt eine Show, ein ganzes Spektrum von straffen, festen, von zarten, dünnfingerigen oder gebogenen Händen, die Künstlern gehören: Die Fotografien von Scott Hyde erfassen die Abdrücke der jeweils linken Handinnenflächen von Arman, Ayo, Marc Brusse, Pol Burry, John Cage, Christo, Jasper Johns, Dick Higgins, Red Grooms, Alain Jaquet, Robert Breer, Ray Johnson, Alison Knowles, Roy Lichtenstein, Jackson Mac Low, Emmett Williams, Marisol, Claes Oldenburg, Benjamin Patterson, Takis, Andy Warhol, Robert Watts und Robert Filliou selbst. Durch ihre starken Kontraste lenken die Fotos die Aufmerksamkeit zunächst auf die große Variationsbreite der Lineaments in den Handinnenflächen. Auf diese weist Filliou auch bereits indirekt mit dem rot überdruckten chiromantischen Schema auf der Titelfotografie hin: Der Betrachter wird durch diese "Kartografie" der Hand, die akribischen Bezeichnungen einzelner Handlinien und Bereiche, die den Kenner zu allerlei Deutungen verleiten mögen, auf das Lesen der Hand eingestimmt und mit der Deutung allein gelassen. Fillious Interesse an der Erkundung der Astrologie, der Zukunft und einem ertastenden Verstehen scheint hier, wenn auch auf eher unbestimmte, offene Weise, in einem Werk aufgezeigt.

Die 'Künstlerhand' – hier an der Reihe benannter Handabdrücke von Kollegen und Freunden, Künstlern aus dem Umfeld von Fluxus bis Pop Art vorgeführt –, ist Mittelpunkt von Hand Show. Vage werden Deutungsmöglichkeiten suggeriert, die sich auf die je unterschiedlichen Handlineaments beziehen mögen – ein Handlesen, eine Sprache der Hand, mit der sich Filliou auch in spätereren Arbeiten beschäftigt (Towards an International Sign Language, 1978). Aber zugleich unterläuft die gemeinschaftlich entstandene Show der ebenso seriell wie standardisiert erscheinenden Hände auch jene von Geniekult und Autonomieansprüchen geprägten Vorstellungen der individuellen 'Künstlerhand'. Indem Filliou nicht eigene Fotografien zugrunde legt, die Hände verschiedener Künstler zum Gegenstand wählt und überdies das Abbild einem Medium überlässt, das keine 'Hand-Schrift' zu übermitteln imstande ist, konterkariert er gleich mehrfach und ebenso spielerisch wie sprachorientiert die traditionellen Belegungen der 'Hand des Künstlers'. Die Serie gleich großer Hände lenkt in dieser Hinsicht auch auf Fillious Verständnis von den schöpferischen Fähigkeiten, die – ganz unabhängig vom ausgeübten Beruf – in der Lage sind, gesellschaftliche Unterschiede zu nivellieren, wenn sie nur mit Leidenschaft verfolgt werden. Der spielerische Umgang auch mit den eigenen Arbeiten zeigt sich auch an seiner Show der Hände, die Filliou 1972 in Clock Work noch einmal in kreisrunder Anordnung eines "Uhrenzifferblatts" präsentiert. Nun setzt er ganz auf den seriellen Charakter der Hände, die sich hier zu einem ornamentalen Zifferring einer absurden "Uhr" formieren.


A.S.

Bildrechte:© (Robert Filliou) Marianne Filliou // Foto: Museum am Ostwall