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Bildrechte:© (der Künstler) Clemens-Sels-Museum, Neuss // Foto: Clemens-Sels-Museum
Tomoharu Murakami
Ohne Titel (Rot-Schwarz), 1986
Malerei
Öl, Acryl auf Japanbüttten
83 x 64 cm

Tomoharu Murakamis Gemälde Ohne Titel, ein Werk aus der Serie der Inori von 1986 reduziert sich auf einen vielschichtigen Farbenzweiklang. Die 83 x 64 cm messende Arbeit verdankt sich einer Mischtechnik von Öl und Acrylfarbe auf Japanbütten. Die unterschiedliche Materialität der Farbe gewinnt eine hohe Präsenz im Bild. Subtile Veränderungen der Oberflächenstruktur innerhalb einer Farbe werden bedeutsam. Die Konsistenz der Farben, das heißt ihre Pigmentdichte und die Differenz zwischen den verwendeten Bindemitteln Wasser und Öl, werden aktiv in den gestalterischen Prozess einbezogen. Auch die Art des Farbauftrags, immer wieder werden Schichten abgerieben, geschliffen und neu aufgetragen, wird sichtbar. Die dichten Farbsetzungen führen zu Modulationen innerhalb eines Tonwertes und damit zu Valenzverschiebungen der Farbe. Diese gewinnt oder verliert im Bild an "Gewicht". Da Tomoharu Murakami ohnehin mit einer extrem reduzierten Palette arbeitet, wird der Spielraum farblicher Eindrücke stark eingeengt. Das Raffinement des erzeugten Farbklangs ergibt sich also aus dem Zusammenspiel der leicht differenzierten Farbtöne, die durch den Farbauftrag als modifizierte Abweichung von Rot oder Schwarz wahrnehmbar werden.

Der Gegensatz zwischen Aktion (Rot) und dem Verlöschen (Schwarz) erscheint als fundamentale Ausdrucksform des Künstlers. In Murakamis Gemälde fließen die beiden unterschiedlich konnotierten Farben zu einem ambivalenten Ganzen zusammen, das sich auf ihre Valenz, Leuchtkraft und Fähigkeit der Lichtabsorption gründet: In der Malerei erfahren wir Schwarz als die Farbe der Negation, die alle anderen Farben ins Negative kehren kann. Und darüber hinaus gilt als physikalische Definition für absolutes Schwarz ein nicht leuchtender Körper, der alles Licht verschluckt. Rot vermag zwar das Schwarz zu durchdringen, scheint sich jedoch in der Zweideutigkeit zwischen Glanz und Verfinsterung beinah vollständig aufzulösen.

Zugleich lässt sich das Zusammenspiel der Farben ikonografisch deuten: Rot, das traditionellerweise als chinesische Glücksfarbe gilt, steht für Feuer, Licht Vitalität und unheilabwehrende Kräfte. Einer chinesischen Tradition entsprechend, wird die Braut in einem roten Brautkleid und einer roten Sänfte zum Ort der Hochzeitsfeier getragen. Gemäß der asiatischen Farbsymbolik kann Schwarz als allumfassende, da ursprüngliche Farbe verstanden werden. Aus den lichtlosen Tiefen des Kosmos, so die mythische Deutung, entstammen alle Wesen, die trotz ihrer Verschiedenheit und Farbigkeit durch ihre gemeinsame Herkunft aus der Finsternis verbunden sind. In der chinesischen Mythologie kennzeichnet die Sonnenfinsternis, die sogenannte "schwarze Sonne", darüberhinaus den Beginn eines neuen Zyklus. Diese zeitbezogene Symbolik besitzt die Farbe Schwarz auch in der antiken Ikonographie, wo sie als Farbe des Saturn gilt, der auf Zeit und Schicksal verweist. Das Feuer und seine mannigfaltigen Bedeutungszusammenhänge gilt schließlich als unmittelbarste visuelle Metapher für den Zusammenhang beider Farben.

Murakamis Werk besticht durch seine meditative Anlage. Der visuell erfahrbare Nachvollzug des Malaktes vermittelt Phänomene von Zeitlichkeit, wie den Eindruck rätselhafter Verzögerung und Verlangsamung. Die Farbenergie als visuelles Phänomen und die unterschiedlichen Zuweisungen und Bedeutungen generieren letztendlich ein offenes Bild, dessen Interpretation jeweils abhängig ist von der Bereitschaft des Rezipienten, diesen vom Künstler bereitgestellten Farbideen zu folgen.


S.K.


Bildrechte:© (der Künstler) Clemens-Sels-Museum, Neuss // Foto: Clemens-Sels-Museum